Einblicke in die Welt eines Dichters, der mit dem 1989 bei Hanser erschienen Lyrikband „Ich Winkelgast“ seinen literarischen Durchbruch erzielte: Johannes Kühn. In etlichen Interviews sagte er: “Ich brauche nicht über mein Leben zu sprechen, weil ja alles in den Gedichten steht.“ Ich wollte dennoch mit ihm sprechen. Zudem kann ich sagen, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und traf dort auch auf seine besten Freunde: das Ehepaar Rech, die Herausgeber seiner Werke.

Johannes Kühn an seinem Lieblingsplatz im Gasthaus Huth in Hasborn. Foto: Sabine Caspar

Johannes Kühn ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker unserer Zeit. Die Auszeichnungen und Preise, die er erhalten hat, bestätigen und bekunden seinen Stellenwert. Beispielhaft sind der Hölderlin-Preis und der Hermann-Lenz-Preis zu nennen. Johannes Kühn knüpft an die beste deutsche Lyrik an, die von Eichendorff über Hölderlin, Mörike, Trakl und in jüngster Zeit bis zu Peter Huchel reicht. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt. In den französischen Klassikerhimmel wurde er aufgenommen, einige seiner Gedichte erschienen in der berühmten Bibliothéque de la Pléiade. Neben mehreren Gedichtbänden schrieb er auch Theaterstücke, Erzählungen und Märchen.

Ich bin von seiner Persönlichkeit eingenommen, von der großen Ruhe und Gelassenheit und dem an manchen Stellen aufblitzenden Humor.

Aus dem Erlebnis Natur wird Poesie

Johannes Kühn stammt aus einer saarländischen Bergmannsfamilie. Er ist ältester Sohn und hat acht Geschwister. Von Kindesbeinen an fühlt er sich mit der Natur verbunden und beobachtet sie aufmerksam. Er wuchs mit Tieren auf und kümmerte sich liebevoll und voller Freude um die Ziegen.
In den 50er Jahren fing es mit dem Schreiben von Gedichten an. Er war damals 14 Jahre alt und besuchte gemeinsam mit Ernst Alt und Benno Rech das Internat und die Schulbank im Missionshaus St. Wendel. “Wir waren eine kleine Gruppe von Klassenkameraden, die an Musik und an Kunst interessiert waren. Johannes und ich lasen alles an Literatur, was es gab: Mörike, Goethe, Carossa, Trakel, Bachmann. Trotz Verbot waren wir oft in den naheliegenden Wald gelaufen, haben uns dort über das, was wir gelesen haben, ausgetauscht“, so Benno Rech.

Johannes Kühn führt aus: „Zu den Wäldern, zu den Bäumen, zu den Bächen, sind mir dann Gedichte eingefallen. Die Freizeit habe ich sinnvoll genutzt. Die Lehrer im Deutschunterricht haben es verstanden, die Begeisterung an Gedichten in mir zu wecken. Ich meinte dann, es könnte mir auf dem Gebiet etwas gelingen und habe mich intensiv auf das Gedichteschreiben konzentriert.“

Im Reinen sein

Wir sprechen darüber, dass er auch viel Unangenehmes erlebt hat. Eine Rippenfellentzündung verhinderte sein Abitur. Zeiten der Krankheit, Zeiten in denen er die Anerkennung nicht fand, die er eigentlich verdiente. Wir sprechen auch über die Jahre, in denen er weder sprach noch schrieb. Anstelle des Schreibens trat in dieser Zeit das Zeichnen.

Johannes Kühn -ohne Titel- aus der Sammlung von Hermann Backes

Aktuell interessiert sich der Kunsthistoriker, Prof. Christoph Wagner von der Uni Regensburg und der Künstler Francis Berrar besonders für diese Zeichnungen mit Filzstiften. Johannes Kühn tat sich schwer mit seiner Rolle als Dichter im Dorf. Er musste Spott ertragen. Nicht verwunderlich, auch ich weiß aus Erzählungen in meinem Umfeld, dass es Intellektuelle lange schwer hatten in einem kleinbürgerlichen Umfeld, wo nur zählte was „ener schafft“ und dies mit den Händen. Und dann ein Dichter, ein Künstler zu sein, ist eine große Herausforderung. Er wirkt auf mich und bekräftigt es zugleich, dass er mit sich im Reinen ist, dass alles in bester Ordnung ist.

Was war Ihre Rettung, Herr Kühn?

„Über mein Dichterleben wurde ich nicht zum Menschenfeind. Die Zeit hat die Kraft, und zu dieser Kraft hilft zudem die Abwechslung, die Beschäftigung mit der Literatur. Das schafft, Unangenehmes zu überwinden“, antwortet Johannes Kühn. „Und ich war zufrieden mit mir, über das, was ich produziert hatte. Mich aufrecht gehalten hat das Ehepaar Rech, das zu den Gedichten immer gestanden hat“, führt er weiter aus.

Irmgard und Benno Rech kennen alle seine Gedichte, weit über 20.000 hat er geschrieben. Johannes Kühn wird nicht nur mit Preisen bedacht, ihm wird auch hohe Anerkennung gezollt: Von Schriftstellern über Verleger bis hin zu Zeitungsmachern und Literaten wie Ludwig Harig, Michael Krüger, Peter Rühmkorf, Rainer Kunze oder Frank Schirrmacher. Der japanische Germanistikprofessor Mitsuo Iiyoshi brachte Kühns Gedichte sogar bis nach Japan. Weitere Übersetzungen folgten: ins Spanische (3 Bücher), Polnische, Tscheschische, Englische und Französische (4 Bücher). Johannes Kühn ist Ehrenbürger von Tholey, sogar ein Wanderweg wurde nach ihm benannt.

Aber der Erste, der seine besondere Begabung bemerkte, war sein Freund Benno Rech. Schon zur Schulzeit stellte er fest: „Johannes ist berufen. Ich wusste, was Johannes schafft, das sind Gedichte von besonderer Qualität. Mein Abituraufsatz handelte damals schon von der Poesie meines Freundes. Nur handelte ich mir dadurch keine gute Note ein“, weil der Lehrer damals noch nie etwas von Johannes Kühn gehört hatte, so Benno Rech.

Johannes Kühn (li) und Benno Rech (re) im Dialog. Foto: Sabine Caspar

Bis heute treffen sich die beiden Freunde fast täglich. So um die Mittagszeit im Gasthaus Huth in Hasborn erwartet Johannes Kühn seinen Freund Benno, an machen Tagen auch Irmgard. Dann treten sie in einen Dialog. Aktuell handeln die Gespräche von der Neuerscheinung eines weiteren Werks mit dem Titel: Johannes Kühn.…und schwebe ab in eine ganz andre Welt. Gedichte & Zeichnungen.

Von hier in die weite Welt hinein.

Die nationale und internationale Anerkennung führte dazu, dass das Ehepaar Rech gemeinsam mit Johannes Kühn viele Länder, Städte und Landschaften erkunden konnten. Im Heimatdorf Hasborn aber hat er seit jeher seinen Lieblingsplatz gefunden. Im Gasthaus Huth hat er seinen festen Platz am Tisch in der Ecke, wenn man reinkommt gleich rechts. Hier schreibt er überwiegend seine Gedichte, täglich drei. Schnell ist das leere Blatt beschrieben. Er hofft, dass ihm immer noch etwas gelingt. „Wenn es zu keinem Gedicht käme, wäre keine Tragödie in Verzug“, gibt er zu. Ich bewundere an seinen Gedichten, wie er das scheinbar Alltägliche zum Weltbedeutenden erhebt. Scheinbar geben ihm alle Dinge dieser Welt Veranlassung, Gedichte zu ersinnen: „Heute schreibe ich über die Vase, gestern über das Unglück auf der Straße“, so Kühn. „Oder über den Bagger, den Spaten, die Gießkanne oder den Mähdrescher“, merke ich an. Wir schmunzeln.

Stimmungen in Sprache übersetzen
Ich fühle mich mit Johannes Kühn verbunden. Ich bin im Nachbardorf aufgewachsen und die Landschaft rund um den Schaumberg ist mir vertraut. So sah ich Johannes Kühn oft als Wanderer durch die Natur rund um Hasborn schreiten, immer wieder neu beschreibend diese Landschaft, das Hügelland rund um den Schaumberg, den „Hirt seiner Dörfer“. So überrascht mich seine Antwort auf meine Frage nicht: “Was ist für Sie Heimat?“

„Meine Heimat ist Hasborn und die Lyrik.“

Seine Werke kenne ich seit meiner Schulzeit. Als ich noch die Schulbank drückte, verstand ich nicht immer, was er auszudrücken vermochte.

Schaumberg, SALZGESCHMACK Gedichte Verlag „Die Mitte“

Aber Benno Rech, sein treuer Freund und Herausgeber, sein Mentor und ebenso mein damaliger Deutschlehrer klärte mich und meine Klassenkameraden mit Hingabe und Begeisterung auf, über die Wortwahl und die Metaphern, die er wählte. Johannes Kühn schildert mit Wortgewalt: Erlebtes, Befindlichkeiten, Gefühle, die uns auch in unserem Leben begegnen. Gedichte, die Trost spenden und uns zugleich einen Einblick ins Innenleben des Dichters geben. Obwohl seine Gedichte auf seine Heimat fokussiert sind, wie beispielsweise in den Gedichtbänden: „Meine Wanderkreise“, „Zu Ende ist die Schicht“, „Nie verließ ich den Hügelring“, „Besitzlos, den Schmetterling feiernd“, sind seine Gedichte dennoch universell und überschreiten Zeit und Raumgrenzen. Stimmungen in Sprache zu übersetzen, Stimmungen zu erzeugen ist Johannes Kühns immerwährendes Ziel.

 

Beeindruckend und wünschenswert für jeden von uns ist diese tiefe, langjährige, große Freundschaft. Von links nach rechts: Benno Rech, Johannes Kühn und Irmgard Rech. Foto: Sabine Caspar

Ich freue mich sehr, dass es ihn noch immer reizt, das Gesehene in Versen festzuhalten. Denn in seinen Gedichten finde ich mich immer nah am Geschehenen. Johannes Kühns Gedichte offenbaren seine tiefe Heimatverbundenheit und seine Liebe zum Saarland. Beeindruckend sind nicht nur seine Werke, sondern seine ganze Person. Seine Achtsamkeit, seine Anwesenheit.

Mit seiner Lyrik trifft er mich nicht nur einmal mitten ins Herz.