Ich entdecke das Museum Jean-Lurçat in Eppelborn und unterhalte mich mit dem Museumsleiter Matthias Marx. Er ist der ehemalige Pfarrer der Gemeinde Eppelborn, Stifter und Vorsitzender des Stiftungsvorstandes der Paul-Ludwig-Stiftung-Jean-Lurçat.

Angefangen hat alles in den Sommerferien vor 27 Jahren. 1992 verbrachten Paul Ludwig und Matthias gemeinsam die Ferien in Frankreich. Die beiden traten die Heimfahrt aus der Normandie ins Saarland an. Unterwegs wollte Paul unbedingt die Burg und die Kathedrale von Angers sehen. Als bester Freund erfüllte Matthias seinem väterlichen Freund diesen Wunsch. In Angers angekommen, sahen sie überall Plakate in der Stadt, die zu einer Ausstellung zum 100sten Geburtstag des Malers Jean-Lurçat einluden. Da Paul Schulpfarrer und zudem Kunstlehrer in Trier war, war sein Interesse an Kunst groß. Auch Mattthias war neugierig. Also beschlossen sie, die Ausstellung zu besuchen.

Erstes Kennenlernen und eine unbeschreibliche Wirkung

„In der Ausstellung kamen wir nicht mehr aus dem Staunen heraus. Es war, als wären wir beide in einen Farbtopf hineingefallen: Gemälde, Keramik, Zeichnungen und Wandteppiche mit einer wahnsinnigen Leuchtkraft!“ schwärmt Matthias Marx. In den folgenden Monaten und Jahren beschäftigten sich die beiden intensiv mit den Werken von Jean-Lurçat. Sie suchten weitere Sammlungen seiner Kunst auf, reisten nach Aubusson und besuchten sein Atelier, das in einer alten Ritterburg in Saint Céré lag. Sie nahmen mit seiner Witwe Simone Kontakt auf, die später drei Mal im Saarland zu Besuch war. Der erste Kauf von Paul war diese Tapisserie von 1965 namens „Der Hahn und die Sterne“.

Detailaufnahme der Tapisserie von Jean-Lurçat  „Der Hahn und die Sterne“ und Herr Marx bei der Erläuterung. Darauf abgebildet ein Hahn, Sterne und zwei Sonnen: eine friedliche und eine aggressive. Foto: Sabine Caspar

Wer war Jean-Lurçat?

Der Künstler Jean-Lurçat wurde 1892 in der Vogesenstadt Bruyéres geboren und war Maler, Keramiker und Bildwirker. Als Maler wandte er sich nach seinem vom Impressionismus beeinflussten Frühwerk dem Kubismus zu. Er gilt als wichtigster zeitgenössischer Vertreter der Bildwirkerei, die er durch seine Begeisterung, Inspiration und Schaffensfreude in enger Zusammenarbeit mit der Aubusson-Manufaktur in Mittelfrankreich neu belebte.

Pablo Picasso und Henri Matisse wurden von ihm animiert,

sich mit der Kunst der Bildwirkerei auseinanderzusetzen. Er stand in engem Kontakt mit berühmten Dichtern wie Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. Seine ersten bedeutenden Ausstellungen hatte er bereits 1922 in Paris und 1928 in New York. In den 1950er Jahren gehörte Jean-Lurçat dann zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern Europas.

Bedeutendste Jean-Lurçat-Sammlung im deutschsprachigen Raum.

„Im Jahr 1998 starb überraschend mein Freund Paul. Ich wurde Erbe seines Hauses und seiner Kunstsammlungen.“ berichtet Matthias Marx. „Mein Anliegen war es, an meinen Freund zu gedenken und das Werk von Jean-Lurçat der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich gründete die Paul-Ludwig-Stiftung-Jean-Lurçat.“ Im Museum in Eppelborn findet man heute einen Querschnitt des künstlerischen Schaffens Jean-Lurçats. Weit über 400 Werke sind hier zu finden: Keramiken, Wandteppiche, Aquarelle, Ölbilder und Lithographien. Aktueller Schwerpunkt der Ausstellung sind große Aquarelle, Gouache aus der gesamten Schaffensperiode von 1914-1920-1930-1931-1947-1953-1962.

Mich fasziniert beim Anblick der Tapisserien diese Leuchtkraft an Farben, es ist ein Farbenrausch. Jean-Lurçat hatte meist 56 Farben in Einsatz. In manchen Wandteppichen erkennt man Qualitätsfarbunterschiede, da mitten im Krieg nicht so gute Ware geliefert werden konnte.
Und ja, ich gebe Marx Recht. Die Wolle trägt die Farbe anders als Farbe auf Papier in den Raum: Wärmer und leuchtender. „In Aubusson entstand 1933 seine erste Tapisserie. Er wollte ganze Wände ausmalen in riesigen Formaten und Gebäude schmücken. Er wollte Kunst machen, die man mitnehmen kann, sollten Gebäude zerstört werden. Zu erschreckend waren wohl seine Beobachtungen der Zerstörung der Kunst durch die Kriege.“, erläutert Marx.

Foto: Matthias Marx, Detailaufnahme der Tapisserie „Metamorphosen“ von dem Künstler Jean-Lurçat.

Ich bin begeisert von der Tapisserie „Metamorphosen“. Hier handelt es sich wahrscheinlich um die Sage von „Apollo und Daphne“. Jean-Lurçat war humanistisch gebildet, ihm dürften diese uralten Geschichten um die Verwandlungen bestens bekannt gewesen sein. Ob sich aber auf dem Teppich zwei Wesen begegnen oder ob nicht doch nur eine Frau ihr Spiegelbild in einem Spiegel betrachtet, die Antwort auf diese Frage bleibt für den Betrachter offen. „“Sie dürfen darin sehen, was sie sehen“, war einer seiner Leitgedanken“, schildert Herr Marx.

Mir sagte der Künstler Jean-Lurçat im Vorfeld nichts. Ich muss zugeben, ich dachte sogar, die Kunst der Tapisserie sei längst ausgestorben. Dem ist nicht so. Neben Jean-Lurçats sind aktuell zwei weitere Tapisseriekünstler zu sehen: Gisela Leitner und ihr Lehrer Michel Tourlière (1925 – 2004), der Meisterschüler von Jean-Lurçat war.

Foto: Matthias Marx, Entwurf des Wandteppichs „Herbst“ von Gisela Leitner (Altdorf), die nach diesem Entwurf hergestellte Tapisserie ist derzeit in der aktuellen Ausstellung zu sehen.

Am Sonntag, den 23. Juni wird das 20-jährge Bestehen der Jean-Lurçat Gesellschaft bei einem Sommerabend ab 17.00 Uhr im Museumshof mit Live-Musik gefeiert.

Lieber Herr Marx, ich bin begeistert von der Ausstellung und der immensen Leuchtkraft der Farben! Das Museum ist auch ein wundervolles Andenken an Ihren Freund Paul.

Vielen Dank!