Auf die Dose, fertig, los! Hendrik Beikirch verpasst Neunkirchen einen neuen Anstrich. Der international renommierte Künstler bringt die Industriegeschichte der Region auf die Wand. Wir haben ihn getroffen.

Hendrik Beikirch – Dieser Name sagte mir zu Beginn zugegebenermaßen nichts. Umso überraschender für mich war, wie beeindruckend seine Werke sind. Eine Schande, dass ich ihn nicht kannte. Der Urban-Art Künstler, der bereits überall auf der Welt seine Spuren hinterlassen hat, war nun auch im Saarland zu Gange. Zur Street Art fand er über seinen Lebenslauf, seine Leidenschaft für das Graffiti und seinem Kunststudium an der Universität Koblenz-Landau.

Kunstliebhabern im Saarland dürfte Hendrik Beikirch bereits ein Begriff sein. Schon bei der Urban Art-Biennale im UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte waren Werke von ihm zu sehen. In Neunkirchen soll ein Hüttenarbeiter die Giebelfassade eines Hauses zieren. Damit reiht sich die Stadt in die Liste der Orte um Moskau, Seoul und Neu Delhi ein, in denen Beikirch schon Portraits an Wänden verewigte. Ich lernte ihn kennen, ein sympathischer und bodenständiger Mann, der mein vorurteiliges Bild eines international tätigen Künstlers wiederlegte. Da stand ich nun – Beikirch auf seiner Hebebühne, gerade bei den ersten Konturen des rechten Ohres des hier entstehenden Hüttenarbeiters.

 

Hendrik Beikirch beginnt seine Arbeit an der Neunkircher Hauswand. Foto: Erik Hoffmann

 

Wer ist das nur?

Der Hüttenarbeiter in Neunkirchen trägt das Gesicht von Bodo Lutze, der 37 Jahre bei den Neunkircher Eisenwerken in der Produktion beschäftigt war. „De Bodo soll das mache“ soll es geheißen haben, so erzählt Beikirch mir. Mit seinen saarländischen Wurzeln ist der 79-jährige der Region zutiefst verbunden. Er ist bis heute gerne dabei und identifiziert sich auch mit dem industriellen Erbe als einer der Beteiligten. Das Motiv an der Neunkircher Hauswand zu sein, sieht er als eine Art Würdigung der Werkstreue. Lutze war von der Idee direkt begeistert. Klasse Kerl, tolles Motiv!

Doch á propos Motiv, wenn das Portrait wie ursprünglich geplant in Völklingen angefertigt geworden wäre, wäre das Abbild Lutzes nicht zu sehen gewesen. Völklingen wollte die Kunst jedoch nicht. Das wollte ich von Hendrik Beikich genauer wissen.

Im Saarland sollte ja eigentlich Völklingen Ort des Motives sein, die lokale Bevölkerung hat das aber abgelehnt, obwohl die Kunst dahinter garnicht bestritten wird. Was glaubst du, woran liegt das?

Woran das liegt, weiß ich nicht. Das spielt für mich aber keine Rolle. Die direkte Mitbestimmung finde ich gut und die muss auch akzeptiert werden, von daher ist das für mich irrelevant.

Was steckt eigentlich hinter dem Künstlernamen „ecb“?

Das steht so im Internet. Naja, Naja, Künstlernamen werden in der Subkultur Graffiti ja nur genutzt, um sich dahinter zu verstecken. Das muss ich ja nicht mehr. Ich benutze ihn jedenfalls nicht mehr.

Wie schaffst du es, die Proportionen beizubehalten und dich nicht zu vermalen?

Wenn ich mich vermale, kann ich ja einfach noch einmal überstreichen. Man muss sich die Wand wie ein Blatt Papier vorstellen. Sie hat Hilfslinien, an denen ich mich orientiere. Das kann man sich so anhand von verschiedenen Sachen wie beispielsweise dem Giebel gut ableiten.

Gibt es Personen oder Künstler, die dich bei deiner Arbeit inspirieren?

Keine Künstler – aber ich finde den direkten Austausch mit den Leuten total inspirierend

Wieso sind deine Werke Monochrom gehalten beziehungsweise farbarm?

Wenn es farbarm ist, grenzt es sich von anderem ab. Durch Architektur und Werbung gibt es so viel Aufsehenerregendes und Buntes, dass das Portrait nicht besonders auffallen würde. Außerdem finde ich, dass es so stärker wirkt.

Warum weisen deine Portraits immer so traurige oder ernste Gesichter auf?

Traurig würd‘ ich nicht sagen. Eher ernst. Aber eigentlich selbstbewusst, fast schon heroisch. Sie werden ja auch podestiert.

Deine Motive lassen sich in Kategorien einteilen: surreale und echte Portraits. Wie fällt die Entscheidung der Gestaltung und welchen Grund hat das?

Ich entscheide das eigentlich nach der Fläche, die ich zur Verfügung habe. Ist es etwas eng oder würde ein normales Portrait nur verzerrt darstellen, so werden sie eventuell surreal. Das hat also keinen besonderen Grund.

Warum sind deine Motive so gigantisch?

Das ist halt der Unterschied zwischen einer Galerie und dem öffentlichen Raum. Bei dem öffentlichen Raum hat man den Platz für so eine Größe und je größer, desto besser ist der Effekt. Außerdem ist so die Sicht besser und es hat eine Art Dramaturgie.

Bist du stolz, wenn die Autofahrer, die an der Ampel stehen, neugierig auf das Bild schauen und eventuell sogar die Grünphase verpassen?

Schon – es soll ja auch fesseln. Ob es aus dem Auto heraus jetzt die beste Möglichkeit ist, weiß ich nicht. Aber natürlich freue ich mich, wenn sich die Leute damit beschäftigen.

Worin besteht der Bezug zwischen der Region, in der das Werk angefertigt wird und dem Motiv?

Mein Gefühl sorgt da eher für die Entscheidung. Im Saarland, das ist ja ein Land mit großer Industriegeschichte, dachte ich zuerst an die Stahlproduktion. Der Fokus liegt da eher immer auf der Suche nach der Person, die abgebildet werden soll, das gestaltet sich meist als schwieriger. Jedenfalls soll es an vergangene Zeiten erinnern und das auch in die Städte tragen, man sieht es ja hier auch ganz gut. Es ist ein Geschenk von und für die Region.

Helden des Saarlandes?

Aus diesem Grund ist ein Hüttenarbeiter auch das ideale Motiv. Normalerweise werden die Kunstwerke von Beikirch mit einem sozialkritischen Hintergrund konnotiert. In Neunkirchen ist das nicht so. Sein Werk bezieht sich auf die Geschichte der Region als Industrierevier der Stahlproduktion. Beikirch erzählt, dass er diese Kritik, die in seinen Portraits erkennbar sein soll, nicht absichtlich erzeugt und seine Kunstwerke eher einen Impuls geben sollen. Sie sollen fesseln und die Blicke auf sich ziehen.

Und die gigantische Größe?

Die ist der springende Punkt in all seinen Bildern und ausschlaggebend für Street Art. In Galerien könnte man den Effekt nicht so gut wahrnehmen, in monumentaler Größe grenzt es sich jedoch ab. Und wenn ich so darüber nachdenke, ist es wahr, was Beikirch sagt. Das Portrait erweckt Nostalgie – man kann stolz auf die Vergangenheit sein. Die Stahlindustrie hat unser heutiges Saarland maßgeblich geprägt. Und all den Hüttenarbeiter sei gesagt: Danke euch!