Das Ungewöhnliche hat im Saarland eine Adresse: Utopion im Saar-Pfalz-Park 218, 66450 Bexbach. Mitten im Saarland: Täler, Wälder, ein Steinbruch, zwei Gebäude. Auf den ersten Blick nur ein schönes Stück Natur hinter einem Gewerbegebiet; tatsächlich aber ein riesiger Abenteuer-Platz.

Ich treffe mich mit Antonia Seiler, die das 100 Hektar große Areal als Angestellte der Saarbrücker Agentur Erlebnisraum im Auftrag des Pächters Dr. Dr. Matthias Trennheuser verwaltet. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich im Verein „Epic Empires“. Epic Empires – das ist auch ein Live Action Role Playing (LARP), die englische Bezeichnung für ein Rollenspiel in der realen Welt.

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Unterwegs auf dem Utopion-Gelände

Es ist Mitte August – ein Höhepunkt für das Utopion und Epic Empires. Denn es kommen über 1200 Spieler aus ganz Europa auf das weitläufige Gelände. Hier werden sie zu Orks, verwandeln sich in Elben, Pilger oder Druiden, mutieren zu Horden des Chaos oder Bewohner der Antike, machen den Flecken Saarland zum Land der Lesath – nur ein Wochenende lang, dann wird alles abgebaut.

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Vor dem Ork-Lager mitten im Wald

 

In zwei Tagen wird alles abgebaut sein

In zwei Tagen wird alles abgebaut sein

Die Elben leben im Wald

Die Elben leben im Wald

Raus aus dem Alltag

Rollenspiele sind eine Mischung aus rotem Faden und Improvisation und finden in der Regel ohne Zuschauer statt. Ausnahmsweise darf ich in Bexbach dabei sein, als Gast durch die Lager gehen. Jeder Teilnehmer gehört einem Lager an und hat einen Charakter, den er mehrere Tage lang spielt, so Antonia Seiler. Ich staune über die Kreativität der Spieler, die ihr Hobby mit großem Aufwand betreiben: Gewänder, Make-up, Perücken, Masken, Rüstungen, Waffen, eigene Münzen und Requisiten, vieles selbst hergestellt. In der Stadt aus Zelten gibt es aber auch Händler und sogar eine Taverne.

Eine Fantasy-Welt wird wahr, ohne hochtechnisierte Geräte, ohne Strom und Handy. Herolde laufen umher, um Termine anzukündigen. Ich stutze zunächst. „Es gibt keine Uhr“, erinnert mich Frau Seiler „aber eine eigene Währung“. Auf Utopion schlafen alle in Zelten, das Essen wird auf echtem Feuer gekocht, die Teilnehmer kämpfen mit Schwertern, Hellebarden, Bogen. Ich sehe sogar ein Katapult. „Epic Empires, das drittgrößte Treffen in Deutschland, richtet sich an erwachsene, verantwortungsbewusste Liverollenspieler“, erklärt mir Antonia Seiler, „Es geht ums Kämpfen zwischen den Lagern.“

Die Hadiya vor ihrem Zeltlager

Die Hadiya vor ihrem Zeltlager

Mitglieder des Imperiums mit Kostümen von Reikmetall

Mitglieder des Imperiums mit Kostümen von Reikmetall

Rein ins Abenteuer

Wir sind auf dem Weg zu den Elben. Hinter uns kommt scheinbar aus dem Nichts ein einsamer Läufer – ein Späher der Horden des Chaos, wie sich herausstellt. Kaum angekommen, erleben wir, wie sie das Elbenlager schreiend stürmen. Ein Elbe wirft einen Zauber, der andere Kämpfer lässt sich fallen. Ich erstarre. Zum Glück zieht mich Antonia Seiler zur Seite, damit ich nicht umgerannt werde. Auch mir war es möglich – wenn auch für kurze Zeit – in eine andere Welt einzutauchen. So dass es sich verblüffend echt anfühlt.

Ein wahres Eldorado für Erlebnissuchende

Was mir ebenfalls imponiert, ist das Gelände selbst.

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Stadt oder Lager? In der Ferne kaum auszumachen

Da die Toiletten und Duschen nicht sofort einzusehen sind, bleibt der Zauber des Spiels erhalten. Obwohl wir über eine Stunde unterwegs waren, habe ich nicht alle Lager gesehen. „Hier gibt es gute Spieler, die Augenmerk auf Aussehen und Spiel legen, das macht bei LARP viel aus“, sagt mir ein Mitglied der Gruppe der Hadiya, „Aber das Gelände ist beeindruckend, nicht so nahe an einem Dorf – die Weitläufigkeit und die Vielfältigkeit mit den Hügeln, dem Steinbruch und den Wäldern.“

 

Auf Utopion ist vieles möglich

Auf Utopion ist vieles möglich

Moritz Jendral aus München, einer der wenigen zugelassenen Fotografen, sieht es auch so: „Bei diesem Hobby spielt das Cineastische eine große Rolle. Hier teilen viele Teilnehmer diesen Anspruch“. Damit er nicht die Spieler stört, trägt er selbst ein Gewand. „Im Vergleich zu anderen Plätzen liegen die Lager nicht direkt nebeneinander, weit voneinander entfernt. Man muss sich zu den anderen auf dem Weg machen, in die Schlacht ziehen und nicht einfach zum Nachbarn gehen.“

Auf dem Weg zurück zu meinem Auto berichtet mir Antonia Sailer von anderen Gruppen und ihren unterschiedlichen Ansprüchen, die das Utopion-Gelände ganz oder nur teilweise mieten: „Sie alle legen Wert auf Naturverbundenheit – Hochzeiten, Schnitzeljagd, Jugendfreizeit oder Pfadfinder.“ Sie könnte sich auch vorstellen, dass hier eine Kunstwoche stattfindet.

Sicher eine wenig actiongeladene Nutzung als beim LARP, aber nicht minder ungewöhnlich.