Eine Führung für Menschen mit Hörschädigung – miterlebt im Römermuseum Schwarzenacker bei Homburg am Welttag des Hörens. Eine für mich unvergessliche Erfahrung!

Sie zieht Linien mit den Fingern, wirbelt mit den Händen oder schließt sie, lässt ihre Mimik sprechen – alles mit fließenden Bewegungen. Jedes Wort wird sichtbar, wenn Mirjam Link Vortrag und Fragen simultan dolmetscht. Die Teilnehmer folgen interessiert; ich auch.

Ich versuche zu verstehen. Wenn Mirjam Link mit der Hand einen dicken Bauch andeutet, bin ich sicher, das muss Obelix heißen!

Erstmals Führung für Hörgeschädigte

Als Mönche das Land um ihr Kloster Wörschweiler nutzbar machen wollten, stießen sie beim Pflügen auf verkohlte Balken, Gewölbe, Reste von Steinmauern und verbrannte Erde. Sie nannten den Ort Schwarzenacker. Der Name ist geblieben; knapp 900 Jahre ist jedoch die Siedlung, auf Latein ein Vicus, in Teilen als Freilichtmuseum in Homburg wiederaufgebaut.

Menschen mit Hörschädigung sollen im Saarland ebenfalls unbeschwert an solchen Urlaubs- und Freizeitvergnügen teilnehmen können: Das will das Pilotprojekt Netzwerk Hören  unter anderem mit Veranstaltungen wie dieser Führung in Gebärdensprache und einer FM-Anlage erreichen – unterstützt diesmal von der Stadt Homburg.

Zwischen den Gebäuden führt die Archäologin Sabine Emser die Gruppen und erklärt, wie es sich in dem Handelszentrum leben ließ. Am Welttag des Hörens ist es jedoch eine Doppelführung der besonderen Art: Begleitet wird Sabine Emser von Mirjam Link, Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache; für Hörgeräte- und CI-Träger steht eine mobile FM-Anlage zur Verfügung. Die Anlage überträgt die Stimme der Archäologin an Kopfhörer oder auch direkt an Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte und Cochlea-Implantate der Gäste. Außerdem hat Sabine Emser zum ersten Mal Maskottchen Roman dabei, eine putzige Ratte als Handpuppe aus braunem Stoff.

 

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Das Mikro überträgt den Vortrag drahtlos mittels Funkwellen

Antikes Rom im Saarland

Unsere Zeitreise durch die Welt der alten Römer beginnt am gallo-römischen Tempel für den Gott Merkur. Über zwanzig Menschen spazieren mit beiden Frauen durch die Anlage, entdecken den Grundriss, der bis heute zu sehen ist. Damals lebten mehr Menschen hier als im heutigen Schwarzenacker. Kühlschrank auf römisch? Das funktioniert ohne Strom mit einem Graben, ausgelegt mit Sandstein. Wenn das Loch mit einer weiteren Platte abdeckt wird, bleibt der Inhalt kühl.

Ich nutze eine Pause und frage beide – Dolmetscherin und Führerin – nach ihren Vorbereitungen: „Ich habe an meiner Artikulation gearbeitet“, so die Archäologin, „ich passe auch auf, dass ich die Anlage in den Sprechpausen ausmache“. Und Mirjam Link hat sich anhand des Textes mit den Wörtern und Begriffen aus der römischen Zeit im Vorfeld beschäftigt.

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Toiletten à la Römer regen zum Nachfragen an

Immer wieder gehen Hände in die Höhe, kommen Fragen auf. „War die Latrine wirklich von jedem so einsehbar?“, „was konnte ein Augenarzt damals machen?“ – Mirjam Link übersetzt simultan und Sabine Emser antwortet mit Witz und viel Wissen. “Da es keine Sklaven mehr gibt”, scherzt sie später, “heißt es selber kochen”. Dann überlässt sie uns Renate Dilly-Liefke und ihren Kolleginnen für den anschließenden Kochworkshop. Wer will, zieht eine römische Tunika an, darf Getreide mahlen, Gurken oder Staudensellerie schnippeln oder Datteln für die Nachspeise zubereiten.

 

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Eine kleine römische Stärkung vor dem Kochen

 

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Stilecht mit Tunika

 

FM-Anlage zu mieten

Mir hat die Führung sehr gut gefallen und ich will wissen, wie die besondere Veranstaltung bei den Teilnehmern ankommt. Manchmal brauche ich die Unterstützung der Dolmetscherin; manchmal klappt es auch so. Tatiana Burda, die das neue Maskottchen Roman genäht hat, hat – wie sie zu verstehen gibt – viel Spaß gehabt und dabei viel gelernt. Gerhard Malik, 2. Vorsitzender vom Gehörlosen-Verein “Glück Auf” Saarbrücken: „Wir sind begeistert. Schade, dass es so etwas zum Beispiel für Saarbrücken nicht gibt.“

In Ottweiler tut sich bereits einiges: Jeden ersten Mittwoch im Monat zwischen April bis Oktober gibt es Führungen für Hörgeschädigte mit einer FM-Anlage  Das Netzwerk Hören hat ebenfalls eine eigene Anlage angeschafft. Carola Heimann, Projektleiterin: „Wenn beispielsweise ein Museum, ein Gäste- oder Wanderführer eine hörfreundliche Veranstaltung plant, können diese Partner die Anlage über uns mieten. Unser Ziel ist es, ein regelmäßiges Angebot für Menschen mit Hörschädigung zu schaffen.“