Im November war ich im Kino. Ich schaute mir den Kinofilm „JOMI lautlos, aber nicht sprachlos“ von Sebastian Voltmer im Cinestar in Saarbrücken an. Seitdem lässt mich die Erinnerung daran nicht los. Der Film ist eine Dokumentation über JOMI alias Josef Michael Kreutzer, über seine künstlerische Arbeit, seine Pantomime, sein Leben. JOMI ist ein weltweit anerkannter Solopantomimekünstler und seine Tourneen führen ihn in die ganze Welt: Nach Nord -und Südafrika, Japan, Russland und in alle europäischen Länder. Der Film zeigt aber auch JOMIs Arbeit als Pädagoge an Schulen und Kultureinrichtungen. Ebenso gibt der Film tiefe Einblicke in seine Lebensgeschichte, er erkrankte im Alter von wenigen Monaten an einer Gehirnhautentzündung, die ihm das Gehör raubte.

Das Besondere an dem Film ist, dass er für alle erlebbar ist: Für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Er ist mit Untertiteln versehen. Die Lautsprache wird von der Gebärdendolmetscherin Isabelle Ridder wiedergegeben. Auch an Blinde wird gedacht, eine entsprechende Audiodeskription beschreibt die visuelle Kunst der Pantomime.

Nach Betrachten des Filmes hatte ich das Gefühl, ich kenne JOMI alias Josef Michael Kreutzer schon ewig. Mir war klar, ich muss ihn jetzt unbedingt persönlich treffen. Schließlich ist er ja auch Saarländer. Gesagt, getan:

Zu Gast bei Josef Michael Kreutzer

Zum Glück kann mich JOMI gut verstehen. Er beherrscht die Kunst mit seinen Augen von meinen Lippen abzulesen.

Wie lernt man das? Und wieso kannst du so gut und deutlich sprechen?

„Ich beobachte den Mund. Ich schaue genau hin. Durch Gestik und Mimik erfahre ich oft den Sinn der Unterhaltung. Ich lernte früh die Gebärdensprache. Später ging ich in die Gehörlosenschule in Lebach, lernte immer und immer wieder die Laute, die Vokale zu sprechen: a, o, u. Der Unterricht fiel meinen Mitschülern und mir sehr schwer. Sich während des Unterrichts in Gebärdensprache zu unterhalten war strengstens verboten. Im Anschluss besuchte ich die Realschule in Hamburg. Mit viel Druck und Nachhilfe schloss ich meine Schullaufbahn mit der Mittleren Reife ab“.

Wie kamst du zur Pantomime?

„Als Kind, da war ich zirka 10-12 Jahre alt, habe ich mit meinen Geschwistern und meinen Schulkameraden Alltagssituationen pantomimisch dargestellt: die „Puppe“ im Arm geschaukelt, der Reiter ohne Pferd mit dem Schwert, das hat mir sehr große Freude bereitet. Schnell stand für mich fest: Ich werde Schauspieler. Meine Religionslehrerin Frau Stefan beobachtete mich und gab mir eine Empfehlung: „Übe dich in Pantomime, diese Kunstform braucht keine Sprache.“ Fortan übte ich täglich, ich las alles über Körpersprache, Gestik und Mimik, saß in Cafés und beobachtete die Menschen um mich herum.

Wie sie Kaffee trinken, wie sie sich bewegen. Jomi macht mir die unterschiedlichsten Gangarten der Menschen vor: Mal stolz, mal gebückt, mal wippend, schlendernd oder in Eile. „Bis zur Ausbildung in Pantomime dauerte es dann noch. Mein Vater machte mir einen Strich durch die Rechnung. Zunächst galt für mich: „Lerne etwas Sicheres, etwas Vernünftiges. Danach kannst du immer noch Schauspieler werden!“ Ich machte eine Ausbildung als Zahntechniker, ich arbeitete 6 Jahre in diesem Beruf. Nebenbei aber gab ich kleine Auftritte auf Stadtfesten und Geburtstagen. 1975 berichtete mir Trixi, mein Zauberfreund, dass Marcel Marceau Schüler für seine Pantomimeschule, der Pariser Ècole de mimodrame, suchte. Mein Vater hielt Wort und wir fuhren gemeinsam zur Vorstellungsrunde.

Ich spielte das Stück „die Morgentoilette“.

Der Ursprung des Stück entstand überwiegend dadurch, dass ich meiner Mama und meinen Schwestern, die länger im Bad brauchten als ich, täglich genau zusah. Mir gefiel die Art und Weise wie sie sich zurechtmachten, sich schminkten und frisierten. Mein Stück „Morgentoilette“ gefiel auch Marcel Marceau. Ich wurde angenommen. 110 Personen aus 40 Nationen fingen zeitgleich mit mir an. Ich durchlief eine harte Schule: Als Gehörloser in einer Englischklasse. Meine Mitschüler schrieben so manches Mal etwas extra für mich auf, damit ich verstand, was sie meinten. Meine Ausbildung umfasste neben der Pantomime auch klassischen und modernen Tanz, Akrobatik, Fechten, Jonglieren und experimentelles Theater. Am Schluss waren wir nur noch 18 und nur 7 erhielten ein Diplom und ich gehörte dazu.

Wow, Hut ab!

Ja, Marcel Marceau spielte gerne mit Hut und Blume, erinnert sich Jomi. Aber ich, ich habe meinen eigenen Stil entwickelt.

JOMI hat bis heute Lampenfieber wie am ersten Tag. Seine Hände zittern vor Aufregung beim Schminken. Auf der Bühne ist er dann hochkonzentriert und das Publikum ist für ihn unsichtbar. Denn jetzt heißt es „spielen“, das Wesentliche ausdrücken, der Wirkung vertrauen: Humorvoll, heiter, nachdenklich oder sozialkritisch.

Eine Botschaft möchte er in all seinen Stücken rüberbringen.

Aufführungen von JOMI berühren. Mit einer enormen Präzision stellt er Situationen dar. In der Kunst der Stille spiegelt sich das wahre Leben. Er hatte nie daran gedacht auch religiöse Stücke zu spielen und in Kirchen aufzutreten. Der Wunsch kam vor über 25 Jahren von einem Pfarrer aus Augsburg, der zuvor ein humorvolles Stück von ihm gesehen hatte. Er beriet sich mit seiner langjährigen Regisseurin Sylvia Methner. Es entstand das Stück „Der Kreuzweg“. Darin gelingt es JOMI in beeindruckender Art und Weise die Leidensgeschichte von Jesu darzustellen und zugleich Hoffnung, Glaube und Zuversicht an uns zu vermitteln. „Der Kreuzweg“ ist diesen Karfreitag, den19.4.2019, in der Kirche St. Gangolf Differten zu sehen.

JOMI hat aber nicht nur als Künstler eine Botschaft zu vermitteln. Oft ist er im Einsatz als Motivationstrainer und er beteiligt sich an Projekten wie Sternenland und Netzwerk Hören Saarland. Er setzt sich für die Erhaltung der Kunstform Pantomime ein. Und er hat eine Botschaft an mich und uns alle: „Sich selbst mit all seinen Schwächen und Stärken anzunehmen. Sich mit „seinem Stoff“ auseinanderzusetzen. Herausfinden wie man das eigene Leben gestalten möchte und dann mutig der Welt zeigen, wer man ist.“

Ihm ist es gelungen.

Vielen Dank, JOMI alias Josef Michael Kreutzer.

 

Fotos: Sabine Caspar