Übrigens jeder Besucher darf das.

Es handelt sich nicht um medizinische oder juristische Akten wohlgemerkt.
Ich bin im Institut für aktuelle Kunst in Saarlouis.


Das Institut dient als Forschungs- und Dokumentationszentrum der Vermittlung von Informationen über bildende Künstler und Künstlerinnen. Zu diesem Zwecke werden hier Daten zu Kunstobjekten, dem Kunstgeschehen und zu den Künstlerpersönlichkeiten gesammelt und archiviert.

Hier darf ich schmökern und erhalte exklusiven Einblick in Künstlerbiografien. Eine wahre Fundgrube für Kunstliebhaber wie mich.

Gegenwärtig anziehend: Die „Akte“ von Otto Steinert.

Er war einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit.
Am 12. Juli 1915 kam er in Saarbrücken auf die Welt. Schon in seiner Jugendzeit fotografierte er und baute sich sogar seine eigene Kamera. Er studierte Medizin, promovierte und arbeitete als Arzt. Doch dann, welch berufliche Wende!

Im Jahr 1948 gelang ihm folgendes:
Ohne berufliche Qualifikation wurde er zum Leiter der Fotoklasse an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken berufen.

Wie das?

Ich lese im Buch „sichtbar machen, Staatliche Kunstschulen im Saarland 1924-2004“ – welches man auch vor Ort lesen kann.

1948 fehlte laut H. Henry Gowa, Direktor der Staatlichen Schule für  Kunst und Handwerk nur noch die Genehmigung des Ministeriums, um eine Klasse für Fotografie einrichten zu können.
Die notwenigen Apparate und die Stelle waren vorhanden. Gowa hatte Dr. Otto Steinert im Sinn. Dieser wartete auf einer Anstellung als Arzt an der Fakultät der Universität des Saarlandes. Um die Wartezeit zu überbrücken beschäftigte sich dieser mit experimenteller Fotografie; er wollte sogar ein „Atelier für künstlerische Fotografie“ eröffnen.

Seine Arbeiten zählten!

„Da Steinert keinen Gesellenbrief-oder Meisterbrief des Fotohandwerks besaß, beantragte er eine Sondergenehmigung beim Kultusministerium. Von dort wurde er zur Begutachtung der künstlerischen Qualität seiner Arbeiten an die Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken verwiesen. Henry Gowa berichtet: „Ich meine, Steinert war eine Entdeckung, die ich gemacht habe. ..und konnte mir einige Fotos zeigen und diese Fotos waren für mich unmittelbar ein Zeichen für seine Begabung und seine technische Fähigkeit…“ , so in der Publikation „sichtbar machen, Staatliche Kunstschulen im Saarland 1924-2004“.

Beeindruckend.

Die Fotografie bekam wieder eine künstlerische Legitimation.
Durch die politischen Einflüsse und den Zweiten Weltkrieg hatten Fotografien meist nur noch einen dokumentarischen Charakter. Otto Steinert jedoch bediente sich fotografischer Verfremdungsverfahren, mit denen der künstlerische Aspekt in der Fotografie hervorgehoben wurde. Steinert war Gründungsmitglied der Gruppe “fotoform“ und initiierte 1951 die bahnbrechende Ausstellung „subjektive fotografie“ in Saarbrücken. 1954 folgte eine zweite und 1958 wurde eine dritte Ausstellung unter diesem Titel veranstaltet. Die subjektive fotografie entwickelte sich. Sie will nicht die objektive Wirklichkeit einer Situation wiedergeben, sondern eine bildhafte Deutung. Zudem wünscht sie sich eine subjektive Interpretation des Betrachters!

Klar, dass ich nun auch interpretieren möchte.

Durch die Erweiterung der Modernen Galerie in Saarbrücken ist es nun möglich, den Besuchern stets eine Auswahl an fotografischen Arbeiten aus dem umfangreichen Besitz des Saarlandmuseums zu zeigen. Im Erweiterungsbau, der sich ganz der aktuellen Kunst widmet, bildet auch die Fotografie des 20. Jahrhunderts mit 21 Arbeiten einen Schwerpunkt.
Für die erste Hälfte der 1950er Jahre gilt die subjektive fotografie als bedeutendste Bewegung in der Fotografie. Aktuell zu sehen drei Fotografien von Dr. Otto Steinert.

Claude2, 1952 COPY: Nachlass Otto Steinert Museum Folkwang Essen

Mir gefällt besonders „Claude2“. Die Fotografie, das Bild ist in Schwarzweißwerten gehalten. Es ist ein treffendes Beispiel für Steinerts Gabe, Portraits zu fotografieren. Zu sehen ist eine attraktive und selbstbewusste Frau. Schwarzweißwerte sowohl in der Kleidung als auch im Hintergrund. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst aber auch ein wenig genervt und fordernd. Obwohl sie selbstbewusst wirkt, ist ihr Händespiel eher widersprüchlich und wirkt unsicher. Auch wie sie auf dem Stuhl sitzt, ihre Sitzposition auf dem Stuhl ist nicht richtig ausbalanciert, nur eine Hälfte der Lehne ist sichtbar. Erst nach längerem Betrachten fällt mir auf, das entscheidende Stück der Lehne oben fehlt! Spannend, jetzt wirkt die Fotografie zudem surreal und poetisch, sehenswert.

Institut für aktuelle Kunst
mit Forschungszentrum für Künstlernachlässe
an der HBKsaar
Choisyring 10
66740 Saarlouis
06831-460530
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www.institut-aktuelle-kunst.de

 Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14.00 bis 18.00 Uhr und nach Vereinbarung.