Michael Ecker hat noch nie Gold gefunden, keinen Dino ausgegraben und war noch nie im Pyramiden-Mutterland Ägypten. Obwohl er Archäologe ist. Sein Arbeitsplatz ist der Europäische Kulturpark bei Bliesbruck-Reinheim an der französisch-saarländischen Grenze. Dort ist er Grabungsleiter. Die antiken Fundstätten zählen zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten unserer Region.

Ich möchte an Ort und Stelle erleben, worauf es bei den Ausgrabungen ankommt, und verabrede mich mit ihm. Wir treffen uns am deutschen Eingang des Parks, gehen vorbei am Museum Jean Schaub mit seinen Ausstellungen und am nachgebauten Hügelgrab einer keltischen Fürstin.

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Ein Tal mit Geschichte

Wir steuern auf eine unauffällige Hütte aus Holz, um Werkzeuge zu holen. In den großen Schubkarren legen wir kleine Kellen, Handfeger, Eimer, Handschaufel, ein großes Sieb und Kniekissen aus Moosgummi.

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Mit dem Schubkarre in die Vergangenheit

Archäologie zum Mitmachen

Der frei zugängliche Park ist riesengroß. „Es sind über 90 Hektar“, werde ich aufgeklärt, „das sind knapp 100 Fußballfelder. Hier gibt es ein Freiluftmuseum und ein Forschungszentrum. Bliesbruck-Reinheim  – das ist Ausstellungs- und Ausgrabungsort in einem“.

Michael Ecker schlägt vor, dass wir uns näher mit einigen Quadratmetern vor einem Nebengebäude der Villa beschäftigen. Der Grabungsleiter hat viel Erfahrung mit Hobby-Archäologen wie mich: Mehrmals im Jahr leitet er Workshops für Laien – Archäologie zum Mitmachen.

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Grabungsleiter Michael Ecker bei der Arbeit

Während wir dahingehen, wird mein Blick immer wieder von dem weitläufigen Tal der Blies angezogen. Es ist die typische Landschaft im UNESCO-Biosphärenreservat Bliesgau: Auen, Streuobstwiesen, hier und da ein Wäldchen. Weit weg entdecke ich sogar Störche. Hier lässt es sich gut leben. Kein Wunder, dass sich Menschen hier schon sehr früh niedergelassen haben.

Angekommen. Vor uns deuten nur noch Mauerreste im Boden das frühere Gebäude an. Eine Plastikplane schützt die Fläche dazwischen. „Warum steht hier nichts mehr?“, will ich wissen. „Im 4. Jahrhundert wurde alles zerstört. Es blieben nur die Fundamente im Ackerland: Die Steine sind zum großen Teil in den Häusern in Reinheim verarbeitet worden.“ Weiter erklärt Ecker: Nach und nach wurden die Reste einer römischen stattlichen Villa samt zwölf Nebengebäude freigelegt und dann einige Gebäude nachgebaut. Auf der französischen Seite graben die Archäologen eine gallo-römische Kleinstadt inklusive Thermenanlage aus. Und wissenswert sicher nicht nur für mich: Es waren gar keine Römer aus Rom, die hier lebten. Sondern Kelten, die zu Römern wurden, indem sie die römische Lebensart übernahmen und sich Häuser aus Stein errichteten.

Wie grabe ich richtig?

Jetzt ist es soweit. Meine erste „Ausgrabung“ beginnt. Auf grünen Kniekissen in die Römerzeit!

Michael Ecker gibt mir detaillierte Anweisungen: zuerst den Boden mit der Kelle ankratzen, die Erde sichten, kehren und ab in den Eimer damit, dann vorsichtig die kleinen Teile herausscharren. Das „Braune“, sprich die Erde, in den Eimer und beim „Roten“ schauen – der Auftrag klingt zunächst einfach. Aber ich fühle die Verantwortung. Was ist, wenn ich etwas übersehe? Denn: Das „Rote“, das können entweder Ziegelreste oder Scherben sein, auf die es für die Archäologen ankommt.

Während wir so arbeiten, erzählt Michael Ecker: „Wenn Leute hören, dass ich Archäologe bin, werde ich meistens dreierlei gefragt. Schon Gold gefunden? Oder ein Dino? Und ob ich schon Ägypten war.“ Drei Mal nein. Er hat schon vor seinem Studium im Kulturpark bei Grabungen mitgeholfen, erst klassische Archäologie dann Ur- und Frühgeschichte studiert, Latein gelernt und kann Keilschriften lesen und hat an zahlreichen Grabungen in vielen Ländern teilgenommen.

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Ob ich es richtig mache?

Antike Scherben

Ich kehre also weiter, kratze, schabe, scharre etwas raus, kippe die Erde in den Eimer, überprüfe und frage immer wieder nach. Ziegel oder Scherbe? Ich bin sehr vorsichtig, arbeite langsam. Dann finde ich etwas – meine erste Scherbe! Mindestens 1700 Jahre ist sie wohl alt. Ich denke kurz an den Geschichtsunterricht. Wie viele Generationen trennen mich von dem Töpfer? Unglaublich, ein kleines Stück aus rotem glatten Ton, so alt! Es ist Terra Sigillata, Edelkeramik. Ich kann es nicht fassen, dass ich sie ausgegraben habe. Scherben bringen Glücksgefühle.

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Meine erste Scherbe

Es kommen immer wieder Spaziergänger und Radfahrer von beiden Seiten der Grenze an uns vorbei. Da bleibt jemand kurz stehen und schaut zu – so einfach ist man als Besucher mit der Antike auf Tuchfühlung und das mitten im Grünen. Und hier wird mir klar, was die gesamte Anlage für mich einmalig macht: Der Europäische Kulturpark überwindet die Grenze und gibt dem Tal wieder seine Einheit, wie zu Zeiten der Kelten und der Römer.

Ich arbeite weiter, finde noch einige Scherben. Mein „Anleiter“ hat außerdem noch einen Henkel, Scherben mit einem Muster sowie Tierknochen und -zähne ausgegraben. Nach zwei Stunden ist mein Eimer zu einem Drittel gefüllt. Zum Schluss sieben wir unsere Eimer. Damit wird überprüft, ob wir etwas übersehen haben. Nichts, auch bei mir nicht. Meine Vorsicht hat sich gelohnt. Jetzt heißt es die Stelle wieder zudecken und die Werkzeuge zurückbringen. Michael Ecker wird unsere Fundstücke säubern und aufnehmen.

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Nach dem Graben kommt das Sieben

Ich verlasse meinen „Arbeitsplatz auf Zeit“ und fahre nachdenklich zurück ins Büro. Ich habe Geschichte angefasst, aus der Erde ausgegraben. Was werden unsere Nachfahren von uns finden?

Mein Tipp: Wenn Du mitmachen möchtest, melde Dich für einen Workshop Archäologie zum Mitmachen im kommenden Jahr an. Und schau doch am 10. September im Europäischen Kulturpark vorbei, wenn das Biosphärenfest 2017 dort Station macht.